Der Rodelsport auf Naturbahn

Geschichtliche Entwicklung

Höhlenzeichnungen
( Mitte d. 4. Jahrhunderts v. Christi )

Vor der Erfindung des Rades als Transportmittel wurden mit Schlitten Beutetiere und Baumaterial befördert, oder Baumstämme zum Fluß gezogen. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis der Schlitten vom Transportmittel zum Wintervergnügen wurde.
Anfang des 14. Jahrhunderts tauchten zum ersten Mal von Pferden, Ochsen, Hunden oder Rentieren gezogene Schlitten auf. In Mode kamen dann sogar Zweisitzer für sonntägige Spazierfahrten. Sehr zum Ärger des Predigers Johannes von Capestrano. Der streitbare Italiener verkündete 1452 von der Kanzel des Stephansdomes in Wien, Schlittenfahrten zu zweit seinen eine "höchst unmoralische Sache".
Er verdammte die Geschwindigkeit, die mit den "Vierbeinern" erreicht werden konnte, verurteilte den "Vergnügensrausch" und vor allem das "dichte Beieinandersitzen von Mann und Frau" auf dem Schlitten. Folge der harschen Predigt war, dass wenige Stunden danach sich 72 Bauern auf dem Vorplatz des Domes versammelten und ihre "Lustlenker" verbrannten. Großgrundbesitzer, Kaufleute und Adelige aber ignorierten den Aufruf.

Anfang des 15. Jahrhunderts war ein regelrechter Schlittenkult ausgebrochen. Aus simplen Pferdeschlitten wurden luxuriöse "Prunk-Karossen", die mit allen möglichen Schnitzereien geschmückt waren. Bären-, Tiger- und Löwenköpfe steckten auf dem Ende der hochgezogenen Kufen, und an den beiden Seiten der Karossen glänzte das jeweilige Wappen des Besitzers. Die Verzierungen hatten die selbe symbolische Bedeutung, wie Galionsfiguren am Bug alter Segelschiffe. Sie sollten vor Gefahr schützen und eine gute Fahrt garantieren. In schmucke Schlitten wurde oft mehr investiert, als zum Beispiel in die Garderobe der Ehefrau.



Pferde-Prunkschlitten

An manchen feinen Höfen gab es sogar einen eigenen Schlittenwart, der nichts anderes zu tun hatte, als das teure Fuhrwerk täglich zu putzen und in Schuß zu halten. Schlittenfahrten durch verschneite Landschaften aber blieben nicht mehr lange ein Privileg der besseren Stände. Böhmische Bergarbeiter fuhren schon Ende des 17. Jahrhunderts mit kleinen Schlitten von Grenzbauden nach Schmiedeberg.

Anfang des 18. Jahrhunderts war in jedem Haushalt der Alpenländer ein Schlitten so selbstverständlich, wie heute ein Fernsehgerät. Ca. 1850 erzählt die Geschichte von der "St. Petersburger Schlittenfahrt". Man rodelte in der damaligen russischen Hauptstadt auf künstlich errichteten Eishügeln. Auch im Park des Schlosses "Bellevue" in Berlin entstanden eigens angefertigte "Eisrutschbahnen".

Aus dem einfachen Schlittenfahren entwickelten sich drei Sportarten: Bob, Skeleton und Rennrodeln. Bis zum Aussehen der heutigen Sportgeräte war jedoch noch ein sehr langer Weg. Die ersten "sportlichen" Rodler benutzten noch Schlitten, die unseren heute gebräuchlichen Kinderrodeln sehr ähnlich waren. Oder man könnte sagen, dass unsere heutigen Kinderschlitten der damaligen Rodelmodelle nachgebaut werden.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass der "Schlitten" - viel später kam erst das Wort "Rodel" immer mehr in Gebrauch - schon seit eh und je das sozusagen wichtigste Verkehrsmittel im Winter war. Der oft stundenlange Weg zur Schule konnte von den hochgelegenen Gehöften doch nur mittels meist selbst gebauten Schlitten bewältigt werden. Letztlich hatten diese Geräte von Tal zu Tal ihre besonderen Namensbezeichnungen.


Rodelwettfahrten auf Bergstraße, Waldwegen und Wiesen erfreuten sich vor der Jahrhundertwende nicht nur in den Alpenländern, sondern auch in Nordamerika und Skandinavien großer Beliebtheit. So wurden zum Beispiel von den Indianern Schlitten verwendet die sich "Toboggan" nannten. Diese "Toboggan" - welche noch heute in Nordamerika und Kanada verwendet werden - waren bzw. sind aus einem vorne aufgebogenem Brett. Die Skandinavier verwendeten "Rentier- oder Hundeschlitten". Somit kann man als Heimat des "sportlichen Rodelns" ruhig die Alpenländer bezeichnen.

Die sportlichen Veranstaltungen, die überwiegend gesellschaftlichen Charakter aufwiesen, wurden ausnahmslos auf Schneebahnen abgewickelt und erfreuten sich enormer Beliebtheit. Es war eine selbstverständliche Verpflichtung, dass sich jedes Haus des Ortes an solchen Veranstaltungen beteiligte. Mondscheinrodeln und Maskenschlittenfahrten waren so gesellschaftliche Höhepunkte im Jahreskalender unserer Dörfer und Kleinstädte.


Sportliche Entwicklung

Bereits 1883 fand in Davos/Schweiz das erste internationale Rodelrennen statt. Danach war die Entwicklung des "sportlichen Rodelns" nicht mehr aufzuhalten.

Geschichtlich kann nachvollzogen werden, dass der Rodelsport anfangs auf tief verschneiden Waldwegen durchgeführt wurde. Da auf diesen Waldwegen Holzarbeiter die Baumstämme zu Tale transportierten, ergaben sich ein bis zwei Meter hohe "Wände" in den Kurven. Dieser Umstand wurde natürlich auch von den Rodlern ausgenutzt und es machte jedem "Sportler" eine große Freude, die Kurven mit mehr oder minderer Geschwindigkeit zu durchfahren. Bereits im Jahre 1910 begann man in Reichenberg (damaligem Böhmen) mit dem speziellen Bau einer solchen "Rennstrecke", in welche auf 3000 Meter sechs derartige große Kurven eingebaut wurden. Um die vielen Rodelabfahrten bewältigen zu können, begann man auch, diese Kurven zu vereisen und machte sie somit "haltbarer". Somit kann man sagen, dass damit die Geburtsstunde der "Kunstbahn" war, welche mittlerweile durch Kühlsysteme künstlich vereist werden.



Europameisterschaften
1914

Rodelbahn 1910

Da nur wenige derartige Bahnen errichtet werden konnten, jedoch viele "Sportler" den Rodelsport ausüben wollten, wurde auch auf Waldstraßen gefahren, welche keine überhöhten Kurven hatten. Parallel zur Entwicklung des Kunstbahnsportes war auch jene des Naturbahnsportes. Naturbahnen werden auch noch heute mit "ebener Bahnsohle", jedoch ohne überhöhte Kurven, speziell für den Rennsport gebaut.

 

Vom Anfang des 1900 Jahrhunderts bis ca. 1965 waren die Rodelsportler sowohl auf Kunstbahnen als auch auf Naturbahnen zugleich tätig. Erst nachdem der Kunstbahnsport eine olympische Disziplin - erstmals bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck - wurde, gingen die Entwicklungen der beiden Sportarten getrennte Wege. Auch die Sportgeräte für Kunst- und Naturbahnen mußten den jeweiligen Bahnen angepaßt werden und nahm somit jedes Sportgerät für sich seine Eigenständigkeit an.

 

Naturbahn speziell

Als im Jahre 1964 der Kunstbahnsport erstmals als olympische Disziplin bei den OWS in Innsbruck dabei war wurden im INTERNATIONALEN RENNRODELVERBAND (FIL) sämtliche bis dahin durchgeführten Welt- und Europameisterschaften, welche bis dahin größtenteils auf Naturbahnen durchgeführt wurden, als Kunstbahnmeisterschaften gewertet.

Da der Naturbahnsport, besonders in den Alpenländern, der "Volkssport" schlechthin war, hat man sich dazu entschlossen, auch für diesen Sportzweig spezielle Meisterschaften durchzuführen.


So wurden im Jahre 1970 in Kapfenberg/Austria die 1. Europameisterschaften auf Naturbahn veranstaltet. 

Im Jahre 1979 wurden die 1. Weltmeisterschaften auf Naturbahn in Inzing/Austria veranstaltet. 

Die 4. Weltmeisterschaft fand vom 24.-29. Januar 1984 in Kreuth am Tegernsee statt.

2003 werden die 14. Weltmeisterschaften auf Naturbahn in Zelezniki/Slowenien veranstaltet.


1992 wurde der Weltcup auf Naturbahn ins Leben gerufen, welcher jährlich mit sechs Einzelveranstaltungen und einer Gesamtergebniswertung durchgeführt wird.

Im Jahre 1997 wurden die 1. Welt-Juniorenmeisterschaften auf Naturbahn in Aosta/Italien veranstaltet, da seit 1974 (in Rasen/Italien) jährlich Europa-Juniorenmeisterschaften durchgeführt wurden.
Im Februar 2002 werden bereits die 3. Welt-Juniorenmeisterschaften auf Naturbahn in Gsiers/Italien veranstaltet.


Der Veranstaltungsrhythmus ist nunmehr derart ausgerichtet, so dass in einem Winter Weltmeisterschaften und Europa-Juniorenmeisterschaften und im darauffolgenden Winter Europameisterschaften und Welt-Juniorenmeisterschaften zur Durchführung gelangen.

Nunmehr hat der Naturbahnsport innerhalb der Internationalen Rennrodelverbandes (FIL) gleichwertige Veranstaltungen und auch die Unterstützung des Verbandes dahingehend, dass große Bestrebungen vorgenommen werden, damit der Naturbahnsport eventuell bei den Olympischen Winter-spielen 2006 als selbständige Disziplin in das olympische Programm aufgenommen wird. Diesbezüglich wurden schon ausführliche Gespräche mit hohen Vertretern des Internationalen Olympischen Comitee und auch mit den Bewerbern für die OWS 2006 geführt.